Mittwoch, 30. November 2016

Siebenundzwanzigster Brief

Freie Medien? Es gibt sie. Die große deutsche Journalistin Margret Boveri gab dazu einen wichtigen Hinweis: "Wir alle lügen Sie an, und es ist Ihre Sache, aus den verschiedenen Dingen, die Sie hören, die Wahrheit herauszufinden." Freie Medien sind demnach unsere eigenen Köpfe: wir selbst als Empfänger und Verbraucher von Informationen.
Wir verlassen uns auf Journalisten, die allerdings Zwängen unterliegen. Dafür ein Beispiel, das nicht jeder kennt.
Einer der bedeutendsten deutschen Journalisten überhaupt, Mentor und Freund Margret Boveris, war Paul Scheffer. Wohlhabend von Haus aus, war er konservativ. Politisch interessiert, knüpfte er Beziehungen zu Politikern auch "linker" Parteien und zu Diplomaten. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war er für das Berliner Tageblatt langjährig in Moskau als Korrespondent tätig. Er berichtete über den Aufbau des weltweit neuartigen sozialistischen Wirtschaftssystems. Nicht nur Unterdrückung und Misserfolge wurden von ihm registriert, auch die Stabilisierung der neuen Gesellschaftsordnung. Seine glänzend beobachteten und geschriebenen Berichte ergaben eine Chronik vieler Entbehrungen und langsam sich einstellender Erfolge.
Besonders letztere irritierten in Berlin. Der legendäre Chefredakteur Theodor Wolff ermahnte seinen Korrespondenten, doch bitte mehr Rücksicht auf deutsche Wirtschaftsführer zu nehmen. Einige hätten die Zeitung bereits abbestellt, um nicht lesen müssen, was ihnen widerstrebte: dass der Sozialismus die Zustimmung großer Teile der russischen Bevölkerung fand.
Berliner Vorstandsvorsitzende und Bankiers schlossen messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Musste Scheffer sich dem Druck der Redaktion beugen? Wollte er es? Jedenfalls scheint er gegenüber dem Moskauer Regime zunehmend kritisch geworden zu sein. Der Kreml erklärte ihn für unerwünscht. Unter den Nazis wechselte Scheffer nach New York und berichtete von dort. Er hat den Zweiten Weltkrieg überlebt.
Einzelheiten sind nachzulesen in einer wissenschaftlichen Untersuchung von Bärbel Holtz, "Paul Scheffer und die UdSSR". Ich habe die Quelle im Netz gefunden, die Arbeit aber nur als Druck bestellen können. Sehr interessant, wenn man sich - wie ich - professionell für die Freiheit der Informationsbeschaffung einsetzt und dabei keine allzu groben Fehler machen möchte.


 

  

Dienstag, 29. November 2016

Sechsundzwanzigster Brief

Ver-rückte Welt

(Zivil-)Religiöser Fanatismus war das Thema eines Vortrags von Theologieprofessor Rolf Schieder an der Universität Konstanz im Jahr 2013; der Vortrag ist jetzt im Rahmen der Reihe Tele-Akademie mehrmals wiederholt worden, vermutlich seiner Aktualität wegen.
Schieder fragte nach dem spirituellen Kern unseres politischen Gemeinwesens. Das Problem stelle sich immer dann, wenn Särge aus Afghanistan zurück kommen, meinte er.  Wofür, frage man, hat dieser junge Mensch sein Leben geopfert? Wie legitimieren wir unseren  Anspruch, dieses letzte und höchste Opfer zu fordern?
Schieder bereitet eine Problemanzeige vor.
Er befürchtet, dass wir an einer negativen Selbstbeschreibung unserer „Werte“ festhalten. In USA sei das anders … Und nicht nur dort, füge ich hinzu. In Großbritannien definiert man seinen spirituellen Kern, seine Grundwerte,  für die es sich lohnt, sein Leben zu opfern, seit der Bill of Rights als das Recht auf Schutz der Privatsphäre auch gegenüber dem König, heute dem Staat; in USA an unwiderrufbaren Rechten, mit denen laut Thomas Jeffersons Formulierung in der Erklärung der Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien alle Menschen ausgestattet sind, und zwar von ihrem Schöpfer, der über weltlichen Mächten steht; und in Frankreich an der Aufklärung und ihren politischen Konsequenzen.
Nicht so bei uns. Wir Deutschen binden den spirituellen Kern unseres politischen Gemeinwesens nicht an ein affirmatives, sondern an ein negatives Narrativ: an die Shoa.
Während ein Brite, ein US-Amerikaner, ein Franzose zu dem, was im Freiheitskampf gegen Obrigkeiten geleistet wurde, voller Stolz erklärt: Immer wieder!, sagen wir Deutschen: Nie wieder. Nie wieder Antisemitismus.
Man braucht dieses Wort nur auszusprechen, schon schlagen einem Wellen öffentlicher Erregung entgegen, führt Schieder aus und nennt Beispiele. Martin Walser, Günter Grass, Jakob Augstein sei Antisemitismus vorgeworfen worden, nachdem sie Zweifel am Gebrauch oder Missbrauch der Formel angemeldet hatten! Schieder spricht von einem Exkommunikationsbegriff (er ist Theologe) und fühlt sich an die Inquisition erinnert: Wer Glaubenszweifel äußert, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – ja auch schon jeder, dem der Tabubruch unterstellt wird, sei in Gefahr der Exkommunikation!
Hier möchte ich in meiner Zusammenfassung des Vortrags kurz innehalten und daran erinnern, dass der Vortrag 2013 gehalten worden ist! Inzwischen gibt es weitere Tabus. Der Begriff Nazi ist dazugekommen. Nationalsozialistischer Gesinnung oder Tendenzen machen sich Parteien verdächtig, deren demokratische Verdienste seit Jahrzehnten bewährt sind, wie die CSU; demokratisch noch wenig bewährte Gruppierungen werden als Nazi bezeichnet, wenn ihre Ziele denen der CSU vergleichbar sind, und zwar auch dann, wenn der Verfassungsschutz ihre Beobachtung ablehnt.
Um auf Schieder zurückzukommen: Er sagt, wir seien sehr gut darin, uns der toten Juden zu erinnern, doch verkrampft im Umgang mit den heute lebenden Juden.
Ich möchte das im Licht der inzwischen verflossenen drei Jahre erweitern und ergänzen: Wir sind gut darin, uns der Abschaffung unserer Demokratie voller Schrecken zu erinnern. Aber verkrampft im Ungang mit den aktuellen Gefahren für unsere Demokratie.
Gutwillige Deutsche merken nicht, dass sie in einer ver-rückten Welt leben. In einer Welt, die weggerückt ist aus der Gegenwart und ver-rückt in die Jahre 1922-33. Sie meinen, Mussolinis Faschismus und Hitlers Nationalsozialismus heute – jetzt – bekämpfen zu müssen, obgleich unsere wehrhafte Demokratie Nazis staatspolizeilich verfolgt und unser Rechtssystem ihre Ideologie und Symbole verbietet.
Freilich gibt es Rechtsbrecher. Auch solche, die sich juristischer und polizeilicher Verfolgung zu entziehen verstehen. Einbrecherbanden, die schwer zu fassen sind. Autodiebe, die sich nach Polen absetzen. Gegen sie zu demonstrieren ist noch niemand eingefallen, man fordert allenfalls bessere Polizeiarbeit.
Wir sollten – sagt Schieder – uns zur Shoa endlich ein historisch-kritisches Bewusstsein erlauben. Ich meine, nicht nur zu Shoa, auch zum ideologisch vagen Begriff nationalsozialistischer Tendenzen. Sie einem Horst Seehofer zu unterstellen, wie es Medien tun, die sich in demokratischer Rechtgläubigkeit behaglich einrichten, erschüttert das Vertrauen in diese Medien. Niemand glaubt ihnen mehr. Wer lange in Bayern gelebt hat, wie ich, und dort politisch tätig war, und zwar in Opposition zur CSU, kann nur den Kopf schütteln. Man spricht dann von Lügen-Medien.
Mit Exkommunikationsformeln, Moralkeulen und inquisitorischen Methoden wird unser Gemeinwesen nicht gestärkt, es wird untergraben.
Ver-rückte Welt.


Samstag, 26. November 2016

Zum Hinschied Fidel Castros

Das mächtige Rom beherrschte die ganze Welt. Nur in einem kleinen gallischen Dorf ...

Was die kubanische Revolution zum Sieg führte, zeigt Sidney Pollacks Film Havana. Robert Redford versteht die Revolution nicht, er sagt: Es ist, als lebe man in Leitartikeln, in einer Idee, der Alltag ist anders. Die Revolutionärin antwortet: Es ist keine Idee, es ist wie ein Lied, das Menschen gemeinsam singen.
In Richard Lesters Film Explosion in Kuba wird Sean Connery als Anti-Terror-Spezialist vom Befehlshaber der Batista-Armee engagiert. Connery warnt ihn: Einen Krieg gegen Aufständische gewinnt man nur, wenn man im Recht ist. Der General: Zweifeln Sie daran, dass wir im Recht sind? Connery: Es kommt darauf an, ob die Kubaner es glauben.

Sehr empfehlenswert auch der letzte Film, den Errol Flynn gedreht hat: Die Wahrheit über Fidel Castros Revolution.

Jetzt noch eine Strophe aus einem Lied, das ich auf einer LP der Arbeiter-Musik-Assoziation gefunden habe:

Ja sie dachten es sich schön
immer höhere Profite
aus den Häusern aus der Miete
und das Volk kann barfuß gehn
Und brutal warn sie zur Stell
dass sich nicht ihr Beutel leerte
wenn der arme Mann sich wehrte
doch oh weh da kam Fidel



 

Dienstag, 22. November 2016

Fünfundzwanzigster Brief

Wer ein Meinungsdiktat in Deutschland vermutet, hängt einer neurechten Einstellung an - meldet meine Lokalzeitung am heutigen 22.11.16. Naja, also in USA war es so:
Eine Liste der fünfzig bedeutendsten Tageszeitungen der USA ergibt, dass keine einzige die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten empfohlen hat. Einige wenige haben keine Empfehlung aussprechen wollen. Die meisten aber haben nachdrücklich Hillary Clinton empfohlen. Die Begründungen ähneln sich auffallend. Sie sind im Netz zu finden.
Und bei uns schreiben auch alle, die ich überblicke, das Gleiche. Von einem "Diktat" auszugehen, erscheint nicht ganz unsinnig, ist wohl eher ein "educated guess". Aber wer diktiert?! Dazu möchte ich einen der derzeit besten deutschen Journalisten zitieren. Es ist der Kulturkorrespondent Peter Richter. Er lebt in New York und hat während des Wahlkampfes brillant geschriebene Stimmungsbilder geliefert, sogenannte Features.
Wie er nach Trumps Wahlsieg in einem Tagebuch-Beitrag mitgeteilt hat, schwante ihm schon Wochen vor dem Ausgang, dass Trump gewinnen könnte und dass die Medien - besonders auch die deutschen - mit ihrer Voraussage eines Sieges für Hillary falsch lagen.
Und er hat es auch seinen Ressortchefs mitgeteilt, allerdings nur privat am Telefon. "Ruft sie an und fragt sie", scherzt er. "Nein, ruft nicht an, sie haben zu arbeiten."
Er meint die Ressortchefs für Außenpolitik und Kultur.
Weshalb wagte er es nicht, seinen Lesern mitzuteilen, was ihm schwante?  Er habe befürchten müssen, in Verruf zu geraten, schreibt er nach der Wahl. Man komme dann leicht in den Verdacht, sich durch abwegige Spekulationen interessant machen zu wollen. Oder noch schlimmer: ein Anhänger Trumps zu sein. Womöglich autoritär geprägt, denn er ist in der DDR aufgewachsen.
Da er weder das eine noch das andere riskieren mochte, blieb es bei privaten Telefonaten, und die Leser erfuhren nicht oder konnten allenfalls erraten, was ihr Amerika-Korrespondent für möglich hielt.

Zu alledem muss man wissen, dieser brillante Journalist veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung. Deren außenpolitisches Ressort wird von Stefan Kornelius geleitet, einem vielfach mit amerikanischen Thinktanks vernetzten Kollegen, siehe das Buch "Meinungsmacht" von Uwe Krüger. Das Kulturressort ist gelegentlich aufmüpfig und wird deshalb imstande sein, Richters Beiträge zu akzeptieren - aber nur dann, wenn er es nicht zu weit treibt. Denn die Süddeutsche wie auch unsere anderen großen Blätter sind überzeugt - wie mir scheint -, dass ein regime change in Moskau (und Peking!) mit allen, wirklich allen Mitteln anzustreben ist. Hillarys "hawkishness", ihre Bereitschaft zu militärischen Interventionen, stört dort nicht. Trumps Bereitschaft zur Verständigung hingegen erscheint skandalös. 
Diese letztere Haltung ist eigentlich nur zu begreifen, wenn Putin mit Adolf Hitler gleichgesetzt wird - was Clinton getan hat. Dann ist jede diplomatische Bemühung "Appeasement". Und wer so dumm ist, einen nach Weltherrschaft strebenden, machtbesessenen Diktator appeasen zu wollen, der wird genauso scheitern wie damals der britische Premier Chamberlain.
Die Schlussfolgerung ist also nur nachvollziehbar, wenn die Voraussetzung akzeptiert wird.
Diese wäre umso genauer zu überprüfen - was jedoch nicht geschieht. Von Beweisen für das sonderbare Narrativ habe ich noch nichts gesehen, Widerlegungen hingegen gibt es so viele, wie mein Arm lang ist.
Nützt nichts, das Narrativ wird unbewiesen und trotz vielfacher Widerlegung  übernommen.
Mit der Begründung, dass wir einen Menschheitsverbrecher "stoppen" müssen, werden wir seit Jahren auf einen Feldzug gegen Russland vorbereitet.
Es wäre der dritte Versuch deutscher Politiker, mithilfe ihrer Wirtschaftsmacht und ihrer Soldaten Russland unter Kontrolle zu bringen. Die Versuche sowohl unseres Kaisers wie unseres "Führers" sind gescheitert. Dass es diesmal gelingen würde, dafür stand Hillary. 
Hat gestanden, darf ich wohl hoffen. Der Krieg ist noch nicht vorbei, aber ein Weltkrieg findet nicht statt.    


  

Dienstag, 1. November 2016

Vierundzwanzigster Brief

Ob es wohl sinnvoll ist, wenn ich weiterhin Tatsachen in den Zusammenhang einordne, in den sie gehören? Wenn ich Schlussfolgerungen zurückweise, die sich auf die Grundlage vereinzelter, von ihrem Zusammenhang abgesplitterter, Fakten stützen? Wenn ich stattdessen das zugehörige Narrativ, den richtigen Kontext, liefere?
Vermutlich beruhige ich mich nur selbst und erreiche gar nichts.
In meiner Abonnementszeitung las ich vor wenigen Tagen, niemand wisse, wie man Jugendliche davon  abhalte, sich islamistisch zu radikalisieren. Das ist gängiger Unsinn. Jeder weiß, wie man Jugendliche davon abhält, Terroristen zu werden. Man braucht nichts zu tun, nur etwas zu unterlassen. Hören wir auf, die Heimatländer dieser jungen Menschen zu zerbomben, wie es die Nato auf Drängen der USA tut. Seit fünf Jahren in Syrien.
Hören wir auf, Umstürze in fremden Ländern zu betreiben.
Übrigens sind die von uns wütend betriebenen und mit Lügen begründeten regime changes in fremden Ländern verfassungswidrig. Denn unsere Verfassung verbietet verbietet die Angriffskriege, die wir führen. Doch niemand zieht unsere Regierung dafür zur Verantwortung.
Die Medien wären dazu verpflichtet, doch sie rufen zu neuen Zerstörungen in weiteren Ländern auf. Vor allem in Syrien und parallel in Russland sollen endlich regime changes gelingen. Niemand fragt, ob die Bevölkerung von Damaskus unter der Herrschaft der Scharia leben will. Oder die russische Bevölkerung unter der Herrschaft der westlichen Kriegsindustrie.
Es hat auch keinen Sinn - keine Wirkung - wenn ich zu bedenken gebe, dass die responsibility to protect völkerrechtlich nur dann einen Angriff auf ein fremdes Land rechtfertigt, wenn der UN-Sicherheitsrat so beschließt. Er hat es nicht getan.
Wir werden an ständige Aufrüstung gegen Russland gewöhnt - obgleich die militärische Überlegenheit der NATO bereits jetzt riesig ist.
Bricht der Krieg aus, werden diejenigen, die ihn begünstigt haben, die Verursachung nicht bei sich selbst suchen. Der Jude ist schuld, hieß es früher einmal bei uns und anderswo in Europa. Der Russe ist schuld, heißt es jetzt. Niemand nimmt Anstoß an der Gleichartigkeit der Slogans.
Psychiatrische Ferndiagnosen sind in unseren Medien täglich zu finden. Putin sei machtbesessen. Oder man liest Gedanken und unterstellt aggressivste Absichten, die er hege. Das ersetzt vernunftgestützte Recherche.
Donald Trump hat versprochen, die Kriegspolitik der USA durch Friedenspolitik zu ersetzen. Mit Hass, Hohn und Häme haben unsere Medien es beantwortet. Bei Hillary Clinton ist die Kriegsindustrie mit gewaltigen Beträgen in Vorleistung gegangen. Die Kandidatin hat akzeptiert und wird liefern müssen. Die Unterstützung unserer Medien ist ungeteilt.
Wer sich gegen weitere regime changes durch Sanktionen oder durch Kriege ausspricht, wird bei uns als links- oder rechtspopulistisch denunziert. Kaum jemand in unseren Leitmedien wagt es. Wer es doch riskiert, ist seinen guten Ruf schnell los.
Soweit mein Bericht zur Lage eine Woche vor den Wahlen in USA.
Warum gebe ich ihn überhaupt? Damit ich doch irgendetwas getan habe, um meiner Verantwortung als gelernter Journalist und aktiver Literat gerecht zu werden.
's ist leider Krieg und ich begehre/ nicht schuld daran zu sein. 

Sonntag, 4. September 2016

Zweiundzwanzigster Brief

Mit ihrem Kampf für den ,,Sieg der Vernunft", gegen Lüge und Dummheit, wie Erika
Mann die antifaschistische Position der Pfeffermühle bestimmte, wandte sie sich in erster Linie an ein bürgerliches Publikum, das die Brandzeichen der Zeit nicht wahrnahm oder ignorierte. Diese Absicht ist an vielen Texten ablesbar, so an Erika Manns Solonummer ,,Der Prinz von Lügenland":

Bei mir daheim im Lügenland
Darf keiner mehr die Wahrheit reden,
Ein buntes Netz von Lügenfäden
Hält unser großes Reich umspannt.
Bei uns ist's hübsch, wir haben's gut,
Wir dürfen unsre Feinde morden.
Verleih'n uns selbst die höchsten Orden
Voll Lügenglanz und Lügenmut.
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
Wer immer lügt, dem wird man glauben.
Zum Schluß läßt sich's die Welt nicht rauben,
Daß er die lautre Wahrheit spricht  …"

Und am Ende, die Zuschauer beschwörend:
,,Glaubt ihnen nicht!
Schleudert die Wahrheit
lns Lügengesicht!
Denn die Wahrheit ganz allein kann's machen!"



Samstag, 20. August 2016

Einundzwanzigster Brief


Emile Zola: „La vérité est en marche, et rien ne l’arrêtera.“

Modifiziert von Georg Lukásc 1957 in seinem Postscriptum in MEIN WEG ZU MARX:
„La vérité est lentement en marche, et à la fin des fins rien ne l'arrêtera.“

„Es geht offensichtlich einem neuen Krieg entgegen“, warnte Josef Stalin bereits Anfang 1934 den XVII. Parteitag der KPdSU (B). Wie 1914 hatten aggressive Mächte begonnen,  eine Neuaufteilung der Weltmärkte durch Krieg zu erzwingen. Stalin:
„Der Krieg Japans gegen China, die Okkupation der Mandschurei, der Austritt Japans aus dem Völkerbund und der Vormarsch in Nordchina haben die Lage noch mehr verschärft. Die Verschärfung des Kampfes um den Stillen Ozean und das Anwachsen der Rüstungen zur See in Japan, den Vereinigten Staaten, England, Frankreich bilden das Ergebnis dieser Verschärfung.“
„Der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und das Revanchegespenst haben einen neuen Anstoß zur Verschärfung der Lage und zum Anwachsen der Rüstungen in Europa gegeben.“
Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt betont Stalin, dass die Sowjetunion bereit sei, mit jedem Staat Friedensverträge abzuschließen. Sie werde konsequente Aufbaupolitik des eigenen Landes betreiben und sich nicht in fremde Händel verstricken lassen. 
Also schon 1934 wird die Möglichkeit eines Friedensvertrages auch mit Nazi-Deutschland konstatiert:
„Gewiss, wir sind weit davon entfernt, von dem faschistischen Regime in Deutschland entzückt zu sein. Doch handelt es sich hier nicht um den Faschismus, wie allein die Tatsache zeigt, dass der Faschismus zum Beispiel in Italien für die UdSSR kein Hindernis war, die besten Beziehungen zu diesem Lande herzustellen. Es handelt sich auch nicht um vermeintliche Änderungen in unserer Stellung zum Versailler Vertrag. Uns, die wir die Schmach des Brester Friedens ausgekostet haben, liegt es fern, den Versailler Vertrag zu lobpreisen. Nur sind wir nicht damit einverstanden, dass die Welt dieses Vertrages wegen in den Abgrund eines neuen Krieges gestürzt werde. Dasselbe ist von der vermeintlichen Neuorientierung der UdSSR zu sagen. Wir hatten keine Orientierung auf Deutschland, ebenso wenig wie wir eine Orientierung auf Polen und Frankreich haben. Wir orientierten uns in der Vergangenheit und orientieren uns in der Gegenwart auf die UdSSR und nur auf die UdSSR. (Stürmischer Beifall.) Und wenn die Interessen der UdSSR eine Annäherung an diese oder jene Länder erheischen, die nicht an der Störung des Friedens interessiert sind, so sind wir dazu, ohne zu schwanken, bereit.“
Winston Churchill wusste, welch ungeheure Gefahr den Demokratien drohte, falls sie das Waffenbündnis mit Stalin ablehnten. Daher sein leidenschaftliches Eintreten für die Annahme des Angebots vom 10. März 1939.
Stalin  hatte sich bereits fünf Jahre zuvor eine zweite Option vorbehalten: den Nichtangriffspakt mit dem Dritten Reich. Und was Churchill bekannt war, wusste auch Hitler. Kurz bevor er am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste, schickte er seinen Außenminister zu Friedensverhandlungen nach Moskau. Der Abschluss des Paktes schockierte die europäische Linke. Sie hatte nicht gelernt, Tatsachen zu lesen.
Dass aber Stalin von Anfang an Hitlers Rassengreuel gutgeheißen haben soll, scheint nicht zu stimmen. Stalin 1934:
"Bekanntlich blickte das alte Rom auf die Vorfahren der heutigen Deutschen und Franzosen genauso, wie jetzt die Vertreter der „höheren Rasse“ auf die slawischen Stämme blicken. Bekanntlich betrachtete das alte Rom sie als „niedere Rasse“, als „Barbaren“, die dazu bestimmt seien, für alle Ewigkeit der „höheren Rasse“, dem „Großen Rom“, unterworfen zu sein, wobei übrigens - unter uns gesagt - das alte Rom dazu einigen Grund hatte, was man von den Vertretern der jetzigen „höheren Rasse“ nicht sagen kann. (Beifallssturm.) Was ist aber dabei herausgekommen? Herausgekommen ist dabei, dass sich die Nichtrömer, das heißt alle „Barbaren“, gegen den gemeinsamen Feind zusammenschlossen und Rom über den Haufen rannten. Es fragt sich: Wo ist die Garantie, dass die Prätensionen der Vertreter der jetzigen „höheren Rasse“ nicht zu denselben kläglichen Ergebnissen führen werden? Wo ist die Garantie, dass die schriftstellernden faschistischen Politiker in Berlin mehr Glück haben werden als die alten kampferprobten Eroberer in Rom? Wäre es nicht richtiger, das Gegenteil anzunehmen?"   
Quelle: Rechenschaftsbericht des ZK an den XVII. Parteitag der KpdSU (B). Auszüge. Der gesamte Text unter stalinwerke.de im Internet. Band 13 anklicken.

Die Gastgeberin der deutschen Emigration in USA, Salka Viertel, in ihren Lebenserinnerungen „Das unbelehrbare Herz“, spricht günstig über die Behandlung von Juden in der Ukraine unter sowjetischer Besatzung:

„Der letzte Akt der grauenhaften deutschen Tragödie, der Nürnberger
Prozeß, ging zu Ende. Es war erstaunlich, wie wenig Interesse er er-
weckte.
Überlebende aus Dachau und Auschwitz trafen in den Vereinigten
Staaten ein - kläglich wenige nur. Die eintätowierten Zahlen an ihren
Armen, ihre Augen, in denen noch die Schrecken geschrieben standen,
die sie gesehen hatten, bereiteten mir schlaflose Nächte.
Mr. Warner erzählte uns, wie er auf einer vor kurzem unternomme-
nen Europareise Matisse besucht und spottbillig Bilder französischer
Maler gekauft hatte. Dann kam die Rede auf die kommunistische Gefahr,
und Warner sagte, der Antisemitismus in Rußland sei ebenso brutal und
grausam wie in Deutschland. Immer noch würden Tausende von Juden
umgebracht. Ich erwiderte, ich wisse von meiner Mutter, die zwei |ahre
unter sowjetischer Herrschaft gelebt hatte, daß ofliziell kein Antisemitis-
mus existiere und es keine Pogrome gebe. In meiner Heimatstadt Sambor
seien die Juden während der sowjetischen Besetzung anständig behandelt
worden. Als ich erwähnte, daß meine Mutter seit 1941 bei mir lebte,
wollte Warner wissen, wie ich sie herausgeholt hatte, doch mein Mitau-
tor unterbrach mich und sagte lächelnd: «Salka ist Kommunistin, Mr.
Warner.» Es sollte wohl ein Scherz sein, aber es klang wie ein Angriff;
Blanke kam mir sofort zu Hilfe. «Das ist sie nicht !» sagte er. «Es bedeutet
doch nicht, daß man Kommunist ist, wenn man die Ansicht vertritt, daß
man den sowjetischen Antisemitismus nicht mit den Verbrechen der
Nazis vergleichen kann.»
«Man kann ihn aber durchaus mit dem Antisemitismus in Amerika
vergleichen», sagte ich. «Er ist in Rußland ebenso verfassungswidrig wie
hier und trotzdem nicht auszumerzen. Ich glaube, alle waren meiner
Meinung, denn niemand leugnete, daß es in Amerika Antisemitismus
gab, und damit war die Diskussion beendet. Die Probevorführung war ein
großer Erfolg, und Mr. Warner sagte mir, daß er das Drehbuch ausge-
zeichnet finde. Es war das letzte Mal, daß ich in einem großen Studio
arbeitete.

Quelle: Salka Viertel, Kapitel 42 in „Das unbelehrbare Herz“,
Ein Leben in der Welt des Theaters, der Literatur und des Films.
1970 Claassen Verlag, 1979 Rowohlt TB.