Mittwoch, 18. Januar 2017

Ich bitte um Rat für die kommenden Wahlen

Beruflich fühle ich mich für Politik nicht zuständig, privat schon: als Bürger dieses Staates und Mitglied meiner sozialdemokratischen Partei. Beider Führung geht mich etwas an. Ich bin in Sorge und ratlos - wen kann ich überhaupt noch wählen?
Dies gesagt, füge ich hinzu, dass mir nach wie vor die historische Mission der Sozialdemokratie sozusagen heilig ist. Ich verstehe darunter die ständige, immer wieder erforderliche und nie zu beendende Neu-Ausrichtung einer Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit und persönlicher Freiheit.  Auch letztere ist wichtig, nicht nur erstere - denn frei ist niemand im Krieg.
So wahr und einsehbar das ist, von unseren politischen Führungsfiguren scheinen die meisten auf den Kriegskurs zu setzen, den Hillary Clinton versprochen hat.
Niels Annen, der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion und seines Ministers, hat in einem Interview vor zwei Tagen klargestellt, dass die SPD sowohl den US-Präsidenten wie den russischen Präsidenten bekämpfen will. Eigentlich sagte er im Klartext: Putin muß weg (Kriegsverbrecher), Assad muß weg (Mörder), Trump muß weg (spricht die Sprache der AfD). Demnach scheint festzustehen, dass eine sozialdemokratische geführte Regierung auf Konfrontationskurs geht sowohl zu Russland wie zu den USA.
Wer wären dann unsere Verbündeten? Frankreich unter Fillon eher nicht. GB unter May zweifelhaft, sucht Bündnis mit USA.
Dieser Kurs (gegen USA+Russland+England+Frankreich) hat sich für Deutschland während der letzten hundert Jahre zweimal als katastrophal erwiesen.
Heute nun lese ich in meiner Lokalzeitung, dass nach der Verweigerung eines Verbots der NPD durch den BGH unsere sozialdemokratische Generalsekretärin zu verstärktem Kampf gegen die AfD aufruft (Faschisten). Aber auch gegen die Linke wird Stimmung gemacht (Altkommunisten). Das ist der Versuch, jegliche Opposition gegen das Kriegsbündnis (für das die NATO eintritt wie zu Obamas Zeiten) zu diskreditieren.
Merkel hinwiederum hat Putin als Verbrecher bezeichnet und Trump Ermahnungen zukommen lassen, als müsse er von ihr auf die amerikanische Verfassung verpflichtet werden.
Wen kann ich wählen - ohne als Faschist oder Utopist beschimpft zu werden und ohne die Kriegspolitik zu unterstützen, was ich für eine Sünde vor Gott und den Menschen halten würde.

Samstag, 14. Januar 2017

Einunddreißigster Brief: Where are you, Errol Flynn?

Erinnert sich jemand, wie es im Wilden Westen zuging, wenn Herausgeber und Chefredakteure von Zeitungen Kritik an den Machthabern übten?  Sie wurden stumm gemacht. Man wollte keine kritischen Stimmen, weder in der  Presse noch im Saloon. Zur Freude von uns Zuschauern griff dann irgendein Errol Flynn, John Wayne oder Clint Eastwood ein und stellte die Demokratie wieder her - die nur funktionieren kann, solange es kritische Stimmen gibt.
Wie steht es bei uns mit der Vierten Gewalt? Ich fürchte, es steht schlimm damit.
Dafür ein Beispiel - und keineswegs ein besonders krasses oder auffallendes.
Heute früh lese ich auf Seite 1 meiner Lokalzeitung:
Lammert für härtere Strafen/ Internet-Beschimpfungen nicht hinnehmbar.
Zwei Interviewer stellen dem Bundestagspräsidenten zunächst die Situation vor Augen: "Die terroristische Bedrohung, Europas Krise, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten" - und knüpfen daran die Frage, mit welchen Gefühlen der Parlamentspräsident darauf reagiere. Worauf dieser ausführt, Verrohung finde in den sozialen Medien statt und müsse bestraft werden, um hinzuzufügen: "Über den Verlauf und das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen bin ich immer  noch fassungslos."
Kritischer Journalismus müsste wohl fragen, wie Lammert es mit seiner politischen Stellung vereinbart, den gewählten neuen US-Präsidenten indirekt zu beleidigen, und ob das den Beziehungen zur neuen Administration und unserem Staat  dienlich ist. Und ob nicht Lammert selbst sich einer Entgleisung schuldig macht, wenn er so etwas sagt.
Doch diese Frage wird nicht gestellt.
Es gibt keinen kritischen Journalismus mehr bei uns - mit ganz wenigen Ausnahmen. Alle Medien, die öffentlich-rechtlichen wie die privaten, denunzieren oppositionelle Stimmen als populistisch oder möchten sie gar unter Strafe stellen.
Fühlt ihr euch wohl in Dodge City, nachdem der Herausgeber der Zeitung stumm gemacht wurde? Und bevor Errol Flynn eingegriffen hat?
Wie sehnlich haben wir als Kinder auf Errols Erscheinen gewartet.
Damit die Demokratie wieder funktioniert.


  

Samstag, 7. Januar 2017

Dreißigster Brief: Tief betroffen wieder einmal von Goethe

War recht niedergeschlagen nach zufälligem Blättern in Goethes Italienischer Reise. Erhoben und beglückt zuerst durch seine wunderbare Offenheit für Fremdes, für andere Bräuche und Sitten. Für seine Bereitschaft, sich durch neue Eindrücke bereichern zu lassen. Verurteilungen habe ich nur einmal auf den 50-60 Seiten gefunden, die ich aufmerksam zu lesen begann - und da waren es die Jesuiten, die er als Erbe und Mitgestalter der Aufklärung beiläufig der Betrügerei bezichtigt. Sehr begreiflich und ein wenig belustigend, ich musste lachen. Aber sonst ... Sogar Befremdliches lehnt er nicht ab, verurteilt es nicht, schildert es genau und anschaulich und übrigens ohne Beschönigung, wenn auch diskret. Er vertraut darauf, dass er daraus lernt und wir durch ihn daraus lernen könnten.
Wie anders, wie niederschmetternd anders ein Reisebericht in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Januar (03.01.2017). Da schildert ein Tim Neshitov seinen Besuch bei einem Ururenkel Fjodor Dostojewskis in Russland. Und es gibt keine Einzelheit, die er uns ohne belehrende und beurteilende, auch hämische und sogar verachtungsvoll verurteilende Kommentierung mitteilt. Über seine Vorurteile lässt ern jedenfalls keinerlei Zweifel aufkommen.
Auf was für einen Tiefstand ist die Reiseberichterstattung in unserem Land herabgesunken! Aber freilich, ohne die Tendenz hätte der Kollege seinen Bericht wohl nicht untergebracht. So ist das jetzt bei uns, "so geht es zu" - um Thomas Mann zu zitieren.
Es hat mich sehr traurig gemacht.
Wir erhalten Informationen nur noch mit Gebrauchsanweisung.Was notiert Goethe über die Jesuiten? Dass es ihn interessieren würde zu wissen, was sie den Leuten aufgebunden hatten.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Neunundzwanzigster Brief: Nationalismus und Immigration

Ein fb-Freund hat neulich eine Grafik (mit-)geteilt, die besagt, dass während der letzten 116 Jahre – also seit 1900 – Deutschland zu 100 Prozent durch Nationalismus ruiniert worden sei. Die Aussage, wir hätten seither  keinerlei Schaden durch Immigration genommen, dürfte eine der üblich gewordenen pädagogischen Zurecht-Weisungen sein.
Ich meine eher, die beiden Weltkriege haben uns ruiniert - der Zweite auch moralisch. Beide galten der Sicherung preiswerter Rohstoffe und der Gewinnung von strategischem Manövrierraum. Es gab also militärische und wirtschaftliche Gründe. Diese bestehen noch immer. Deshalb die Forderung nach regime change in Russland. Putins Beseitigung durch Waffengewalt zu unterstützen, fordern transatlantische Falken. Hillary C. wollte gar Atombomben einsetzen, hat der angesehene Publizist. Tichy unwidersprochen in einem ARD-Presseclub behauptet; ich selbst habe die Aussage der gescheiterten US-Präsidentschaftskandidatin nicht recherchiert. Aber hawkish genug ist sie (gewesen! Da hatten wir Glück.) 
Im Gegensatz zur kriegsfreudigen Clinton wird Donald Trump Präsident. Er hält schuldenfinanzierte Kriege nicht für das geeignete Mittel, den Interessen der Amerikaner zu dienen. Seine Wähler haben es honoriert. Sie werden in der Weihnachtsausgabe der International NY Times als Tölpel bezeichnet („loonies“). Es ist der Aufmacher auf der Titelseite! Im Netz zu finden.
Intent on Unsettling E.U., Russia Taps Foot Soldiers From the Fringe
By ANDREW HIGGINS DEC. 24, 2016
Die zitierte Beleidigung findet sich im letzten Absatz, feige versteckt in einem Zitat.
Unsere deutschen Mainstream-Medien teilen diese Auffassung mit sehr wenigen Ausnahmen.  
Die Eliten in den Redaktionen sind überzeugt, dass Tölpel dazu erzogen werden müssen, die Interessen der Eliten zu vertreten, statt ihre eigenen erbärmlichen Sorgen wichtig zu nehmen. Tölpel haben zu lernen, dass einfache Antworten auf komplexe Probleme nicht genügen. „Wir schaffen das“ ist freilich die denkbar einfachste Antwort überhaupt, die auf sehr komplexe Probleme gegeben werden konnte.   


Achtundzwanzigster Brief - Heilige Nacht? Was wir glauben. Und was nicht. Und was das mit Kriminalromanen zu tun hat.


Gläubige haben in Auschwitz der SS standgehalten, erinnert sich der jüdischstämmige österreichische Schriftsteller Jean Améry in seinem bedeutenden Essay "An den Grenzen des Geistes". Wer an Gott glaubte oder an den Sieg des Sozialismus, fühlte sich durch die Unmenschlichkeit sogar noch in seiner längst gefestigten Überzeugung bestätigt. Der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium müsse zur Entmenschung notwendig führen, hatten die Marxisten schon in den Weimarer Jahren gewarnt. Gottgläubige waren angesichts zunehmender Gottlosigkeit auf moralische Verkommenheit und Verrohung vorbereitet.
   Intellektuelle hingegen seien zerbrochen, schreibt Améry. Er meint auch sich selbst. Der philosophisch geschulte Agnostiker erblickte im SS-Staat die Verwirklichung einer Idee, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Sein Humanismus zählte nicht mehr. Als Wehrloser wurde er sich selbst verächtlich.
   Nach der Befreiung quälten ihn "Ressentiments" - so der Titel eines zweiten bedeutenden Essays. Er verachtete die Täter, sie inszenierten sich als Opfer von Befehlsnotständen.
   Auch ich verachtete sie. Dabei machte ich eine Entdeckung. Ich hätte gern Rache genommen. Die unschuldig tuenden Täter hatten meiner Generation dieses furchtbare Erbe hinterlassen, diese entsetzliche Schuld. Ganz und gar stimmte ich Ravic in Remarques Roman „Arc de Triomphe“ zu, der seinen ehemaligen KZ-Quäler umbringt.
   Ich fand also einen Mörder in mir vor. Das war kein Ravic, der den Schinder erschießt. Ich hatte ja keine Schusswaffe.
   Meine Waffe war das geschriebene Wort.
   In meinen ersten Kriminalroman habe ich einen Mörder eingebracht, der als Opfer posiert. Scheinheilige Killer kannte ich zur Genüge. Aus der Universität, wo sie Vorlesungen hielten. Aus Redaktionen und Verlagen, wo sie meine Vorgesetzten waren.
   Aber es war ein Haken dabei. Literatur, wenn  sie ehrlich ist, zwingt zur Selbsterkenntnis. Davor darf der Autor sich nicht drücken. Ich musste selbst einen Mörder in mir haben, begriff ich, wie ich sie in meiner gesellschaftlichen Umgebung so oft vorgefunden habe. Ich hätte den Widerling sonst nicht in diesen Kriminalroman auslagern können.
    Dass ich ihn auslagern konnte, den larmoyanten Unhold, war ein erster Schritt auf der langen Straße zur Befreiung von dem Bedürfnis nach blutiger Rache. Die Kämpfer der Roten Armee Fraktion sind diesem Bedürfnis erlegen.
   Jean Améry ist seinen Ressentiments erlegen. Er war zu vernünftig, um sich von blutigen Rachefeldzügen anderes zu versprechen als nur die Verdoppelung nazihafter Verrohung. Ausdrücklich warnte er vor Aktionen wie denen der RAF.
   Was aber tun, wie sich helfen? Verachtung für die Schergen, die ihn gequält hatten, empfand er wie so viele meiner Generation der Achtundsechziger. Doch eben diese Schergen waren nun seine Gönner! In großen Sendern und bedeutenden Zeitschriften konnte er veröffentlichen, was ihn beschäftigte. Sollte er einen Hans Egon Holthusen öffentlich demütigen, weil der sich zur SS bekannt hatte, deren Mitglied er gewesen war? Holthusen war nun Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und überreichte Jean Améry eine Auszeichnung. Auch Geld floss.
   Hätte Améry ablehnen sollen? Er hat es, weshalb auch immer, nicht über sich gebracht. Dabei hatte Holthusen einen wüsten Hetzartikel gegen Thomas Mann veröffentlicht. Und Améry hat Thomas Mann höher geschätzt als jeden anderen modernen Autor. Dennoch, er nahm den Preis aus Holthusens Hand entgegen ... Und seine Ressentiments wurden  immer unerträglicher.  Weshalb ließ er das zu?  
   Seine Vernunft warnte ihn vor einem drastischen Schritt, wie übrigens Mascha Kaléko ihn getan hat, die Lyrikerin. Sie hat von einem SS-Mann keinen Preis haben wollen.
   Améry war bei seinen Begegnungen mit Schergen, die ihn nun nicht mehr in die Gaskammer schicken, sondern auszeichnen wollten, etwas bewusst geworden. Er selbst hatte einen Mörder in sich. Einen Rächer. Doch seine Vernunft stoppte jede Regung dieser Art und erstickte sie förmlich in ihm.
    Als Autor darf ich meine Phantasie spielen lassen. Ich stelle mir vor, ich hätte mit Améry sprechen können.
   Machen Sie es wie ich, hätte ich ihm geraten. Schildern Sie einen Unhold, wie Sie ihn zuerst in Auschwitz und später erleben mussten, in einem Kriminalroman! Stellen Sie den Unhold von sich weg, indem Sie ihn zu Papier bringen!
   Und was ist der Unterschied zwischen einem Roman und einem Kriminalroman?, fragt er.
   Das ist typisch für ihn, den analysierenden Rationalisten und Positivisten.
   Für mich ist es eine Steilvorlage.
   Gehen Sie in eine Buchhandlung und fragen Sie nach einem Kriminalroman, sage ich. Man wird Sie zu einem Regal führen. Aber fragen Sie nicht danach, wie ein Kriminalroman definiert wird. Denn das kann niemand. Es führt zu einer Dekonstruktion. Am Ende landen Sie dabei, dass Kriminalgeschichten bereits in er Bibel stehen. Aber niemand, der einen Kriminalroman verlangt, bekommt im Buchladen eine Bibel in die Hand gedrückt. Denn was ein Kriminalroman ist, erfährt man nicht durch analytische Dekonstruktion, man weiß es aus Erfahrung.
   Es ist wie mit der Liebe, fahre ich fort. Dekonstruktion führt zu der Schlussfolgerung, Liebe sei eine unterbewusste Neurose, die sich zu einer anderen unterbewussten Neurose hingezogen fühlt – unterbewusst. So in einem wunderbaren Film, wo es als Witz gemeint ist.
   Erlauben Sie niemals, lieber Jean, spreche ich weiter – erlauben Sie niemals Ihrer Vernunft, Ihre Erfahrungen zu entwerten. Das ist Hamlets Krankheit!
    Leider hat das Gespräch nie stattgefunden. Améry blieb dabei, seine Ressentiments auf rationalem Wege auflösen, das heißt: wegdenken zu wollen.    
    Hätte er einen verhassten Unhold in sich selbst eingestehen müssen, um ihn literarisch darzustellen?
   Aber das ist Spekulation. Tatsache ist leider, dass der große Kollege sich vergiftet hat.
   Gläubige, hinterlässt er uns, waren sogar dem extremen Terror in Auschwitz gewachsen. Sie sind von einer Zukunft überzeugt, sei sie irdisch oder überirdisch.
  Intellektuelle nicht. Sie zerbrechen an der Gegenwart.


Mittwoch, 30. November 2016

Siebenundzwanzigster Brief

Freie Medien? Es gibt sie. Die große deutsche Journalistin Margret Boveri gab dazu einen wichtigen Hinweis: "Wir alle lügen Sie an, und es ist Ihre Sache, aus den verschiedenen Dingen, die Sie hören, die Wahrheit herauszufinden." Freie Medien sind demnach unsere eigenen Köpfe: wir selbst als Empfänger und Verbraucher von Informationen.
Wir verlassen uns auf Journalisten, die allerdings Zwängen unterliegen. Dafür ein Beispiel, das nicht jeder kennt.
Einer der bedeutendsten deutschen Journalisten überhaupt, Mentor und Freund Margret Boveris, war Paul Scheffer. Wohlhabend von Haus aus, war er konservativ. Politisch interessiert, knüpfte er Beziehungen zu Politikern auch "linker" Parteien und zu Diplomaten. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war er für das Berliner Tageblatt langjährig in Moskau als Korrespondent tätig. Er berichtete über den Aufbau des weltweit neuartigen sozialistischen Wirtschaftssystems. Nicht nur Unterdrückung und Misserfolge wurden von ihm registriert, auch die Stabilisierung der neuen Gesellschaftsordnung. Seine glänzend beobachteten und geschriebenen Berichte ergaben eine Chronik vieler Entbehrungen und langsam sich einstellender Erfolge.
Besonders letztere irritierten in Berlin. Der legendäre Chefredakteur Theodor Wolff ermahnte seinen Korrespondenten, doch bitte mehr Rücksicht auf deutsche Wirtschaftsführer zu nehmen. Einige hätten die Zeitung bereits abbestellt, um nicht lesen müssen, was ihnen widerstrebte: dass der Sozialismus die Zustimmung großer Teile der russischen Bevölkerung fand.
Berliner Vorstandsvorsitzende und Bankiers schlossen messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Musste Scheffer sich dem Druck der Redaktion beugen? Wollte er es? Jedenfalls scheint er gegenüber dem Moskauer Regime zunehmend kritisch geworden zu sein. Der Kreml erklärte ihn für unerwünscht. Unter den Nazis wechselte Scheffer nach New York und berichtete von dort. Er hat den Zweiten Weltkrieg überlebt.
Einzelheiten sind nachzulesen in einer wissenschaftlichen Untersuchung von Bärbel Holtz, "Paul Scheffer und die UdSSR". Ich habe die Quelle im Netz gefunden, die Arbeit aber nur als Druck bestellen können. Sehr interessant, wenn man sich - wie ich - professionell für die Freiheit der Informationsbeschaffung einsetzt und dabei keine allzu groben Fehler machen möchte.


 

  

Dienstag, 29. November 2016

Sechsundzwanzigster Brief

Ver-rückte Welt

(Zivil-)Religiöser Fanatismus war das Thema eines Vortrags von Theologieprofessor Rolf Schieder an der Universität Konstanz im Jahr 2013; der Vortrag ist jetzt im Rahmen der Reihe Tele-Akademie mehrmals wiederholt worden, vermutlich seiner Aktualität wegen.
Schieder fragte nach dem spirituellen Kern unseres politischen Gemeinwesens. Das Problem stelle sich immer dann, wenn Särge aus Afghanistan zurück kommen, meinte er.  Wofür, frage man, hat dieser junge Mensch sein Leben geopfert? Wie legitimieren wir unseren  Anspruch, dieses letzte und höchste Opfer zu fordern?
Schieder bereitet eine Problemanzeige vor.
Er befürchtet, dass wir an einer negativen Selbstbeschreibung unserer „Werte“ festhalten. In USA sei das anders … Und nicht nur dort, füge ich hinzu. In Großbritannien definiert man seinen spirituellen Kern, seine Grundwerte,  für die es sich lohnt, sein Leben zu opfern, seit der Bill of Rights als das Recht auf Schutz der Privatsphäre auch gegenüber dem König, heute dem Staat; in USA an unwiderrufbaren Rechten, mit denen laut Thomas Jeffersons Formulierung in der Erklärung der Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien alle Menschen ausgestattet sind, und zwar von ihrem Schöpfer, der über weltlichen Mächten steht; und in Frankreich an der Aufklärung und ihren politischen Konsequenzen.
Nicht so bei uns. Wir Deutschen binden den spirituellen Kern unseres politischen Gemeinwesens nicht an ein affirmatives, sondern an ein negatives Narrativ: an die Shoa.
Während ein Brite, ein US-Amerikaner, ein Franzose zu dem, was im Freiheitskampf gegen Obrigkeiten geleistet wurde, voller Stolz erklärt: Immer wieder!, sagen wir Deutschen: Nie wieder. Nie wieder Antisemitismus.
Man braucht dieses Wort nur auszusprechen, schon schlagen einem Wellen öffentlicher Erregung entgegen, führt Schieder aus und nennt Beispiele. Martin Walser, Günter Grass, Jakob Augstein sei Antisemitismus vorgeworfen worden, nachdem sie Zweifel am Gebrauch oder Missbrauch der Formel angemeldet hatten! Schieder spricht von einem Exkommunikationsbegriff (er ist Theologe) und fühlt sich an die Inquisition erinnert: Wer Glaubenszweifel äußert, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – ja auch schon jeder, dem der Tabubruch unterstellt wird, sei in Gefahr der Exkommunikation!
Hier möchte ich in meiner Zusammenfassung des Vortrags kurz innehalten und daran erinnern, dass der Vortrag 2013 gehalten worden ist! Inzwischen gibt es weitere Tabus. Der Begriff Nazi ist dazugekommen. Nationalsozialistischer Gesinnung oder Tendenzen machen sich Parteien verdächtig, deren demokratische Verdienste seit Jahrzehnten bewährt sind, wie die CSU; demokratisch noch wenig bewährte Gruppierungen werden als Nazi bezeichnet, wenn ihre Ziele denen der CSU vergleichbar sind, und zwar auch dann, wenn der Verfassungsschutz ihre Beobachtung ablehnt.
Um auf Schieder zurückzukommen: Er sagt, wir seien sehr gut darin, uns der toten Juden zu erinnern, doch verkrampft im Umgang mit den heute lebenden Juden.
Ich möchte das im Licht der inzwischen verflossenen drei Jahre erweitern und ergänzen: Wir sind gut darin, uns der Abschaffung unserer Demokratie voller Schrecken zu erinnern. Aber verkrampft im Ungang mit den aktuellen Gefahren für unsere Demokratie.
Gutwillige Deutsche merken nicht, dass sie in einer ver-rückten Welt leben. In einer Welt, die weggerückt ist aus der Gegenwart und ver-rückt in die Jahre 1922-33. Sie meinen, Mussolinis Faschismus und Hitlers Nationalsozialismus heute – jetzt – bekämpfen zu müssen, obgleich unsere wehrhafte Demokratie Nazis staatspolizeilich verfolgt und unser Rechtssystem ihre Ideologie und Symbole verbietet.
Freilich gibt es Rechtsbrecher. Auch solche, die sich juristischer und polizeilicher Verfolgung zu entziehen verstehen. Einbrecherbanden, die schwer zu fassen sind. Autodiebe, die sich nach Polen absetzen. Gegen sie zu demonstrieren ist noch niemand eingefallen, man fordert allenfalls bessere Polizeiarbeit.
Wir sollten – sagt Schieder – uns zur Shoa endlich ein historisch-kritisches Bewusstsein erlauben. Ich meine, nicht nur zu Shoa, auch zum ideologisch vagen Begriff nationalsozialistischer Tendenzen. Sie einem Horst Seehofer zu unterstellen, wie es Medien tun, die sich in demokratischer Rechtgläubigkeit behaglich einrichten, erschüttert das Vertrauen in diese Medien. Niemand glaubt ihnen mehr. Wer lange in Bayern gelebt hat, wie ich, und dort politisch tätig war, und zwar in Opposition zur CSU, kann nur den Kopf schütteln. Man spricht dann von Lügen-Medien.
Mit Exkommunikationsformeln, Moralkeulen und inquisitorischen Methoden wird unser Gemeinwesen nicht gestärkt, es wird untergraben.
Ver-rückte Welt.