Montag, 26. Juni 2017

Die Selbstvernichtung einer einst großen Zeitung

Schlagzeile der International New York Times heute, 26.06.2017:
How Putin seduced Oliver Stone

Dazu eine kleine Passage aus meinem neuen Roman, der demnächst via Amazon zu kaufen sein wird:

Tagesaktuelle Berichterstattung ist von Printmedien heute nicht mehr zu erwarten. Die Ereignisse wechseln so schnell, dass man sich dafür besser im Internet informiert. Aus diesem Grund haben fast alle Zeitungen eine elektronische Version. So auch die INYT; eine groß aufgemachte Annonce in dem Blatt warb für die E-Ausgabe. Sie wurde zum Preis von 1 € pro Woche angeboten.
   Dasselbe Angebot hatte ich zuhaus mehrfach über Facebook bekommen. Es ist ein Schleuderpreis. Der Verlag verhökerte sein einstmals hochangesehenes Produkt wie sauer Bier.
   Traurig.

   Es kommt mir vor, als sei es vor Kurzem gewesen, was freilich eine Täuschung ist, dass ich täglich die in Paris redigierte New York Herald Tribune bezogen habe. Sie wurde aus Kostengründen mit der New York Times zusammengelegt. Ich gab das Abonnement auf, als mir klar wurde, dass ich von der New Yorker Redaktion kaum noch Informationen zu lesen bekam, statt dessen Polemik, Propaganda,  Appelle und Ermahnungen. 

Soweit die Passage aus meinem neuen Roman. Sie erinnert und soll erinnern an Jean Seberg, die in "Außer Atem" studentische Straßenverkäuferin des berühmten Blattes ist. Es lag einst auf dem Schreibtisch jedes bedeutenden Politikers und Managers. In was für Zeiten leben wir!

Mittwoch, 3. Mai 2017

Ist es erlaubt?

Ich will nicht die triviale These ausbreiten, dass hinter dem Versprechen von Demokratie nach unserem Vorbild, die wir weltweit zu verbreiten entschlossen sind, ordninärer Neokolonialismus sich verbirgt. Das glaubt jeder, der nur einigermaßen informiert ist; und ich kann mich ja auch irren, ich bin kein Ökonom.
   Was ich aber zu beurteilen mir zutraue, weil es zu meiner Kernkompetenz gehört, ist der Zustand unserer öffentlich geführten Diskussionen. Er ist „deplorable“. Ich glaube schon nichts mehr, was unsere Leitmedien melden. Entweder ich erkenne es ohne weiteres als falsch (kontrafaktisch, Fakenews) oder durch Einseitigkeit irreführend (polemisch, post-truth).
    Allein in einer einzigen, früher angesehenen Zeitung habe ich an einem einzigen Tag nicht weniger als fünf halb- und ganzseitige Hasstiraden gegen Russland gelesen.
   In einem als ganz besonders seriös geltenden Blatt kommentierte einer der Herausgeber die Wahl Donald Trumps mit den Worten: In Moskau und Peking müssen sie in ihren amtombombensicheren Bunkern vor Glück gebrüllt haben.
   Es ist er Tenor aller unserer Medien, der privaten wie der staatsgestützten.
     Wenn aber alle das Gleiche berichten, jeden Tag, Woche für Woche und Monat für Monat, und das seit Jahren – muss das nicht wundernehmen?
   Ein unheimlicher Gedanke ist mir gekommen, ein Verdacht.
   Erleben wir den Abbau auch der zweiten deutschen Demokratie zugunsten einer Deutschen Demokratischen Republik?
   Das wäre schon arg genug, doch es kann noch schlimmer kommen. 
   Winston Churchill hat einst Hitlers Überfall auf unsere Nachbarländer vorausgesagt. Um die Aufrüstung der deutschen Wehrmacht, Luftwaffe und Marine finanzieren zu können, müsse Hitler Raubriege führen oder sein Drittes Reich gehe bankrott. Die Staatsschuld der USA liegt derzeit bei zwanzig Billionen Dollar und wächst jährlich, falls sich nichts ändert, um eine weitere halbe Billion. Und die Staatsschulden innerhalb der Europäischen Union?
    Um das deutsche Volk auf Krieg einzustimmen, musste Hitler die Medien gleichschalten. Westliche Leitmedien melden alle das Gleiche, jeden Tag.
   Hitler musste die akademische Welt für sich gewinnen. Westliche Professoren dürfen es nicht wagen, eine andere als die angeblich „korrekte“ Linie zu vertreten; andernfalls werden sie von ihren Studenten vom Pult gejagt.
    Hitler hat die Oppositionsparteien zerschlagen. Westliche Oppositionsparteien werden täglich in allen – allen! – Medien als populistisch denunziert und delegitimiert.
   Demokratie ist aber keine Veranstaltung für Zuschauer – wie Eishockey, wo man zwar anfeuern darf, aber nicht mitspielt. In einer funktionierenden Demokratie darf jeder mitspielen, dem es nicht wegen nachgewiesener Verfassungsfeindlichkeit verboten wird.
   Wie ist es bei uns?
   Von den vier Staatsgewalten sind in Deutschland zwei entmachtet, die Legislative, weil unser Parlament keine Opposition dulden will.
   Die Medien, sie beugen sich staatlichem oder privatem Druck.
   Eine ist geschwächt: die Exekutive, die ohnehin unter politischem Einfluss steht.
   Eine ist noch intakt: die Judikative, allerdings unterbesetzt und überfordert.
   Als Deutscher lebe ich bereits in einem Obrig-keitsstaat.
   Auf welche Gegenkraft dürfen wir hoffen, um wieder auf den Weg der Demokratie zu finden? Hält die kollektive Intelligenz der Bevölkerung der beständigen Desinformation stand?

    In Nordafrika beteiligen wir uns an Massenmorden. Ist es erlaubt, von einem neuerlichen Holocaust zu sprechen? 

Mittwoch, 18. Januar 2017

Ich bitte um Rat für die kommenden Wahlen

Beruflich fühle ich mich für Politik nicht zuständig, privat schon: als Bürger dieses Staates und Mitglied meiner sozialdemokratischen Partei. Beider Führung geht mich etwas an. Ich bin in Sorge und ratlos - wen kann ich überhaupt noch wählen?
Dies gesagt, füge ich hinzu, dass mir nach wie vor die historische Mission der Sozialdemokratie sozusagen heilig ist. Ich verstehe darunter die ständige, immer wieder erforderliche und nie zu beendende Neu-Ausrichtung einer Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit und persönlicher Freiheit.  Auch letztere ist wichtig, nicht nur erstere - denn frei ist niemand im Krieg.
So wahr und einsehbar das ist, von unseren politischen Führungsfiguren scheinen die meisten auf den Kriegskurs zu setzen, den Hillary Clinton versprochen hat.
Niels Annen, der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion und seines Ministers, hat in einem Interview vor zwei Tagen klargestellt, dass die SPD sowohl den US-Präsidenten wie den russischen Präsidenten bekämpfen will. Eigentlich sagte er im Klartext: Putin muß weg (Kriegsverbrecher), Assad muß weg (Mörder), Trump muß weg (spricht die Sprache der AfD). Demnach scheint festzustehen, dass eine sozialdemokratische geführte Regierung auf Konfrontationskurs geht sowohl zu Russland wie zu den USA.
Wer wären dann unsere Verbündeten? Frankreich unter Fillon eher nicht. GB unter May zweifelhaft, sucht Bündnis mit USA.
Dieser Kurs (gegen USA+Russland+England+Frankreich) hat sich für Deutschland während der letzten hundert Jahre zweimal als katastrophal erwiesen.
Heute nun lese ich in meiner Lokalzeitung, dass nach der Verweigerung eines Verbots der NPD durch den BGH unsere sozialdemokratische Generalsekretärin zu verstärktem Kampf gegen die AfD aufruft (Faschisten). Aber auch gegen die Linke wird Stimmung gemacht (Altkommunisten). Das ist der Versuch, jegliche Opposition gegen das Kriegsbündnis (für das die NATO eintritt wie zu Obamas Zeiten) zu diskreditieren.
Merkel hinwiederum hat Putin als Verbrecher bezeichnet und Trump Ermahnungen zukommen lassen, als müsse er von ihr auf die amerikanische Verfassung verpflichtet werden.
Wen kann ich wählen - ohne als Faschist oder Utopist beschimpft zu werden und ohne die Kriegspolitik zu unterstützen, was ich für eine Sünde vor Gott und den Menschen halten würde.

Samstag, 14. Januar 2017

Einunddreißigster Brief: Where are you, Errol Flynn?

Erinnert sich jemand, wie es im Wilden Westen zuging, wenn Herausgeber und Chefredakteure von Zeitungen Kritik an den Machthabern übten?  Sie wurden stumm gemacht. Man wollte keine kritischen Stimmen, weder in der  Presse noch im Saloon. Zur Freude von uns Zuschauern griff dann irgendein Errol Flynn, John Wayne oder Clint Eastwood ein und stellte die Demokratie wieder her - die nur funktionieren kann, solange es kritische Stimmen gibt.
Wie steht es bei uns mit der Vierten Gewalt? Ich fürchte, es steht schlimm damit.
Dafür ein Beispiel - und keineswegs ein besonders krasses oder auffallendes.
Heute früh lese ich auf Seite 1 meiner Lokalzeitung:
Lammert für härtere Strafen/ Internet-Beschimpfungen nicht hinnehmbar.
Zwei Interviewer stellen dem Bundestagspräsidenten zunächst die Situation vor Augen: "Die terroristische Bedrohung, Europas Krise, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten" - und knüpfen daran die Frage, mit welchen Gefühlen der Parlamentspräsident darauf reagiere. Worauf dieser ausführt, Verrohung finde in den sozialen Medien statt und müsse bestraft werden, um hinzuzufügen: "Über den Verlauf und das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen bin ich immer  noch fassungslos."
Kritischer Journalismus müsste wohl fragen, wie Lammert es mit seiner politischen Stellung vereinbart, den gewählten neuen US-Präsidenten indirekt zu beleidigen, und ob das den Beziehungen zur neuen Administration und unserem Staat  dienlich ist. Und ob nicht Lammert selbst sich einer Entgleisung schuldig macht, wenn er so etwas sagt.
Doch diese Frage wird nicht gestellt.
Es gibt keinen kritischen Journalismus mehr bei uns - mit ganz wenigen Ausnahmen. Alle Medien, die öffentlich-rechtlichen wie die privaten, denunzieren oppositionelle Stimmen als populistisch oder möchten sie gar unter Strafe stellen.
Fühlt ihr euch wohl in Dodge City, nachdem der Herausgeber der Zeitung stumm gemacht wurde? Und bevor Errol Flynn eingegriffen hat?
Wie sehnlich haben wir als Kinder auf Errols Erscheinen gewartet.
Damit die Demokratie wieder funktioniert.


  

Samstag, 7. Januar 2017

Dreißigster Brief: Tief betroffen wieder einmal von Goethe

War recht niedergeschlagen nach zufälligem Blättern in Goethes Italienischer Reise. Erhoben und beglückt zuerst durch seine wunderbare Offenheit für Fremdes, für andere Bräuche und Sitten. Für seine Bereitschaft, sich durch neue Eindrücke bereichern zu lassen. Verurteilungen habe ich nur einmal auf den 50-60 Seiten gefunden, die ich aufmerksam zu lesen begann - und da waren es die Jesuiten, die er als Erbe und Mitgestalter der Aufklärung beiläufig der Betrügerei bezichtigt. Sehr begreiflich und ein wenig belustigend, ich musste lachen. Aber sonst ... Sogar Befremdliches lehnt er nicht ab, verurteilt es nicht, schildert es genau und anschaulich und übrigens ohne Beschönigung, wenn auch diskret. Er vertraut darauf, dass er daraus lernt und wir durch ihn daraus lernen könnten.
Wie anders, wie niederschmetternd anders ein Reisebericht in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Januar (03.01.2017). Da schildert ein Tim Neshitov seinen Besuch bei einem Ururenkel Fjodor Dostojewskis in Russland. Und es gibt keine Einzelheit, die er uns ohne belehrende und beurteilende, auch hämische und sogar verachtungsvoll verurteilende Kommentierung mitteilt. Über seine Vorurteile lässt ern jedenfalls keinerlei Zweifel aufkommen.
Auf was für einen Tiefstand ist die Reiseberichterstattung in unserem Land herabgesunken! Aber freilich, ohne die Tendenz hätte der Kollege seinen Bericht wohl nicht untergebracht. So ist das jetzt bei uns, "so geht es zu" - um Thomas Mann zu zitieren.
Es hat mich sehr traurig gemacht.
Wir erhalten Informationen nur noch mit Gebrauchsanweisung.Was notiert Goethe über die Jesuiten? Dass es ihn interessieren würde zu wissen, was sie den Leuten aufgebunden hatten.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Neunundzwanzigster Brief: Nationalismus und Immigration

Ein fb-Freund hat neulich eine Grafik (mit-)geteilt, die besagt, dass während der letzten 116 Jahre – also seit 1900 – Deutschland zu 100 Prozent durch Nationalismus ruiniert worden sei. Die Aussage, wir hätten seither  keinerlei Schaden durch Immigration genommen, dürfte eine der üblich gewordenen pädagogischen Zurecht-Weisungen sein.
Ich meine eher, die beiden Weltkriege haben uns ruiniert - der Zweite auch moralisch. Beide galten der Sicherung preiswerter Rohstoffe und der Gewinnung von strategischem Manövrierraum. Es gab also militärische und wirtschaftliche Gründe. Diese bestehen noch immer. Deshalb die Forderung nach regime change in Russland. Putins Beseitigung durch Waffengewalt zu unterstützen, fordern transatlantische Falken. Hillary C. wollte gar Atombomben einsetzen, hat der angesehene Publizist. Tichy unwidersprochen in einem ARD-Presseclub behauptet; ich selbst habe die Aussage der gescheiterten US-Präsidentschaftskandidatin nicht recherchiert. Aber hawkish genug ist sie (gewesen! Da hatten wir Glück.) 
Im Gegensatz zur kriegsfreudigen Clinton wird Donald Trump Präsident. Er hält schuldenfinanzierte Kriege nicht für das geeignete Mittel, den Interessen der Amerikaner zu dienen. Seine Wähler haben es honoriert. Sie werden in der Weihnachtsausgabe der International NY Times als Tölpel bezeichnet („loonies“). Es ist der Aufmacher auf der Titelseite! Im Netz zu finden.
Intent on Unsettling E.U., Russia Taps Foot Soldiers From the Fringe
By ANDREW HIGGINS DEC. 24, 2016
Die zitierte Beleidigung findet sich im letzten Absatz, feige versteckt in einem Zitat.
Unsere deutschen Mainstream-Medien teilen diese Auffassung mit sehr wenigen Ausnahmen.  
Die Eliten in den Redaktionen sind überzeugt, dass Tölpel dazu erzogen werden müssen, die Interessen der Eliten zu vertreten, statt ihre eigenen erbärmlichen Sorgen wichtig zu nehmen. Tölpel haben zu lernen, dass einfache Antworten auf komplexe Probleme nicht genügen. „Wir schaffen das“ ist freilich die denkbar einfachste Antwort überhaupt, die auf sehr komplexe Probleme gegeben werden konnte.   


Achtundzwanzigster Brief - Heilige Nacht? Was wir glauben. Und was nicht. Und was das mit Kriminalromanen zu tun hat.


Gläubige haben in Auschwitz der SS standgehalten, erinnert sich der jüdischstämmige österreichische Schriftsteller Jean Améry in seinem bedeutenden Essay "An den Grenzen des Geistes". Wer an Gott glaubte oder an den Sieg des Sozialismus, fühlte sich durch die Unmenschlichkeit sogar noch in seiner längst gefestigten Überzeugung bestätigt. Der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium müsse zur Entmenschung notwendig führen, hatten die Marxisten schon in den Weimarer Jahren gewarnt. Gottgläubige waren angesichts zunehmender Gottlosigkeit auf moralische Verkommenheit und Verrohung vorbereitet.
   Intellektuelle hingegen seien zerbrochen, schreibt Améry. Er meint auch sich selbst. Der philosophisch geschulte Agnostiker erblickte im SS-Staat die Verwirklichung einer Idee, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Sein Humanismus zählte nicht mehr. Als Wehrloser wurde er sich selbst verächtlich.
   Nach der Befreiung quälten ihn "Ressentiments" - so der Titel eines zweiten bedeutenden Essays. Er verachtete die Täter, sie inszenierten sich als Opfer von Befehlsnotständen.
   Auch ich verachtete sie. Dabei machte ich eine Entdeckung. Ich hätte gern Rache genommen. Die unschuldig tuenden Täter hatten meiner Generation dieses furchtbare Erbe hinterlassen, diese entsetzliche Schuld. Ganz und gar stimmte ich Ravic in Remarques Roman „Arc de Triomphe“ zu, der seinen ehemaligen KZ-Quäler umbringt.
   Ich fand also einen Mörder in mir vor. Das war kein Ravic, der den Schinder erschießt. Ich hatte ja keine Schusswaffe.
   Meine Waffe war das geschriebene Wort.
   In meinen ersten Kriminalroman habe ich einen Mörder eingebracht, der als Opfer posiert. Scheinheilige Killer kannte ich zur Genüge. Aus der Universität, wo sie Vorlesungen hielten. Aus Redaktionen und Verlagen, wo sie meine Vorgesetzten waren.
   Aber es war ein Haken dabei. Literatur, wenn  sie ehrlich ist, zwingt zur Selbsterkenntnis. Davor darf der Autor sich nicht drücken. Ich musste selbst einen Mörder in mir haben, begriff ich, wie ich sie in meiner gesellschaftlichen Umgebung so oft vorgefunden habe. Ich hätte den Widerling sonst nicht in diesen Kriminalroman auslagern können.
    Dass ich ihn auslagern konnte, den larmoyanten Unhold, war ein erster Schritt auf der langen Straße zur Befreiung von dem Bedürfnis nach blutiger Rache. Die Kämpfer der Roten Armee Fraktion sind diesem Bedürfnis erlegen.
   Jean Améry ist seinen Ressentiments erlegen. Er war zu vernünftig, um sich von blutigen Rachefeldzügen anderes zu versprechen als nur die Verdoppelung nazihafter Verrohung. Ausdrücklich warnte er vor Aktionen wie denen der RAF.
   Was aber tun, wie sich helfen? Verachtung für die Schergen, die ihn gequält hatten, empfand er wie so viele meiner Generation der Achtundsechziger. Doch eben diese Schergen waren nun seine Gönner! In großen Sendern und bedeutenden Zeitschriften konnte er veröffentlichen, was ihn beschäftigte. Sollte er einen Hans Egon Holthusen öffentlich demütigen, weil der sich zur SS bekannt hatte, deren Mitglied er gewesen war? Holthusen war nun Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und überreichte Jean Améry eine Auszeichnung. Auch Geld floss.
   Hätte Améry ablehnen sollen? Er hat es, weshalb auch immer, nicht über sich gebracht. Dabei hatte Holthusen einen wüsten Hetzartikel gegen Thomas Mann veröffentlicht. Und Améry hat Thomas Mann höher geschätzt als jeden anderen modernen Autor. Dennoch, er nahm den Preis aus Holthusens Hand entgegen ... Und seine Ressentiments wurden  immer unerträglicher.  Weshalb ließ er das zu?  
   Seine Vernunft warnte ihn vor einem drastischen Schritt, wie übrigens Mascha Kaléko ihn getan hat, die Lyrikerin. Sie hat von einem SS-Mann keinen Preis haben wollen.
   Améry war bei seinen Begegnungen mit Schergen, die ihn nun nicht mehr in die Gaskammer schicken, sondern auszeichnen wollten, etwas bewusst geworden. Er selbst hatte einen Mörder in sich. Einen Rächer. Doch seine Vernunft stoppte jede Regung dieser Art und erstickte sie förmlich in ihm.
    Als Autor darf ich meine Phantasie spielen lassen. Ich stelle mir vor, ich hätte mit Améry sprechen können.
   Machen Sie es wie ich, hätte ich ihm geraten. Schildern Sie einen Unhold, wie Sie ihn zuerst in Auschwitz und später erleben mussten, in einem Kriminalroman! Stellen Sie den Unhold von sich weg, indem Sie ihn zu Papier bringen!
   Und was ist der Unterschied zwischen einem Roman und einem Kriminalroman?, fragt er.
   Das ist typisch für ihn, den analysierenden Rationalisten und Positivisten.
   Für mich ist es eine Steilvorlage.
   Gehen Sie in eine Buchhandlung und fragen Sie nach einem Kriminalroman, sage ich. Man wird Sie zu einem Regal führen. Aber fragen Sie nicht danach, wie ein Kriminalroman definiert wird. Denn das kann niemand. Es führt zu einer Dekonstruktion. Am Ende landen Sie dabei, dass Kriminalgeschichten bereits in er Bibel stehen. Aber niemand, der einen Kriminalroman verlangt, bekommt im Buchladen eine Bibel in die Hand gedrückt. Denn was ein Kriminalroman ist, erfährt man nicht durch analytische Dekonstruktion, man weiß es aus Erfahrung.
   Es ist wie mit der Liebe, fahre ich fort. Dekonstruktion führt zu der Schlussfolgerung, Liebe sei eine unterbewusste Neurose, die sich zu einer anderen unterbewussten Neurose hingezogen fühlt – unterbewusst. So in einem wunderbaren Film, wo es als Witz gemeint ist.
   Erlauben Sie niemals, lieber Jean, spreche ich weiter – erlauben Sie niemals Ihrer Vernunft, Ihre Erfahrungen zu entwerten. Das ist Hamlets Krankheit!
    Leider hat das Gespräch nie stattgefunden. Améry blieb dabei, seine Ressentiments auf rationalem Wege auflösen, das heißt: wegdenken zu wollen.    
    Hätte er einen verhassten Unhold in sich selbst eingestehen müssen, um ihn literarisch darzustellen?
   Aber das ist Spekulation. Tatsache ist leider, dass der große Kollege sich vergiftet hat.
   Gläubige, hinterlässt er uns, waren sogar dem extremen Terror in Auschwitz gewachsen. Sie sind von einer Zukunft überzeugt, sei sie irdisch oder überirdisch.
  Intellektuelle nicht. Sie zerbrechen an der Gegenwart.